Denk an die Stacheln, wenn du Rosen pflückst!

Von Einer, die nahe am Wasser gebaut hat

 

Roman von Sabine Deiries

Erhältlich beim EPUBLI-Verlag, Berlin

 

 

Aus dem 1. Kapitel:

Es war einmal ein kleines Mädchen, und das bin ich.
Ich rutsche auf dem Strahl meines Lebens zum Anfang zurück und sehe mich im Kinderwagen liegen. Meine Mutter beugt sich über mich, tätschelt meine Wangen und sagt etwas Liebes zu mir. Das erkenne ich an ihrem Tonfall. Etwas später lerne ich laufen. Freude durchpulst mich. Endlich kann ich gehen, wohin ich will! Ich kann mir holen, was ich haben will! Nach und nach begreife ich, was die Worte bedeuten, die ich schon lange klingen hörte. Ich verstehe sie und kann selber sprechen. Welch ein Triumph! Ich kann sagen, was ich will! Ich kann fragen, was ich wissen will! Alles, kann ich, einfach alles, ich bin so stolz! Rollschuhlaufen, Springseilspringen, Klettern, Sandkuchen backen, mich alleine anziehen und ausziehen, Zähneputzen, mit Messer und Gabel essen, auf einem Bein hüpfen, alles kann ich! Ach, die Welt ist so schön. Der klare blaue Himmel, die weißen Wolken und das grüne Gras! Ich kann auch schon die schwere Glastür zu unserem Hof ganz alleine aufsperren, mit meinem eigenen Schlüssel, den ich an einer Schnur um den Hals trage und nicht verlieren darf.

Aus dem 4. Kapitel:

...Eines Nachmittags sitze ich mit Mutti in der Küche und wir schauen alte Fotos aus ihrer Kindheit an. Sie erzählt vom Zweiten Weltkrieg, vom Fliegeralarm, der sie nachts aus dem Schlaf riß und in den Keller trieb. Von ihrem Vater, der in Frankreich fürs Vaterland kämpfte und von ihrer Mutter, die wunderschöne rotbraune Locken hatte und so gerne stickte. Sie zeigt mir Bilder, auf denen sie so alt ist wie ich. Damals lebte sie bei einer Bauernfamilie in Ostpreußen, wohin sie evakuiert worden war, um dem Bombenhagel in Berlin zu entgehen.
Lautes Hupen vor der Haustür holt uns in die Gegenwart zurück. Ich will nachsehen, was da draußen los ist und pralle mit Papa zusammen. Grinsend zeigt er mir einen großen Karton, der im Kofferraum seines orangefarbenen Renaults steht. Ein Blick genügt - es ist ein Fernseher! Mit einem Jubelschrei falle ich Papa um den Hals und helfe ihm dabei, das Paket ins Haus zu tragen. Vor fünf Uhr nachmittags wird nicht gesendet. Ich kann es nicht fassen und starre minutenlang verblödet auf das Testbild. Punkt Fünf heften mein Bruder und ich unsere Blicke wie zwei Verdurstende auf die Mattscheibe.

 

Kurz vor Acht, wenn das Programm erst richtig spannend wird, schicken uns unsere Eltern ins Bett, so ein Mist!  Wir sind aber doch dabei, wenn Eduard Zimmermann in seiner hochinteressanten Sendung „Aktenzeichen XY“ die Zuschauer um Mithilfe bei der Aufklärung mysteriöser Verbrechen bittet, wir folgen fingernägelkauend dem „Kommissar“ bei der Lösung verzwickter Fälle und unsere Wangen glühen, wenn es heißt: „Dem Täter auf der Spur“! Durch die geriffelte Glasscheibe der Wohnzimmertür kann man alles leider nur sehr verschwommen sehen...

Aus dem 11. Kapitel:

...Der Kellner bringt uns Sekt. Wir stoßen an und trinken aus. Mein Verehrer bittet mich zum Tanz, nimmt mich behutsam in den Arm und zieht mich an sich. Zu den Klängen eines gefühlvollen Songs von Harry Belafonte bewegen wir uns Wange an Wange mit winzigen Schritten auf der Stelle. Ich schließe die Augen und lasse mich versinken in die unglaubliche Süße des Augenblicks; mein Kopf ist frei von Gedanken, mein Herz weit geöffnet!
Pause. Die Musiker legen ihre Instrumente weg, verlassen das Podium und mischen sich ins Getümmel. Wir kehren zu unserm Tisch zurück. Die drei Räubergesellen sind scheinbar gegangen. Wir setzen uns bequem hin und lassen uns Caipirinha bringen. Mein fabelhafter Tanzpartner nippt an seinem Glas, ich schlürfe meins auf einen Sitz leer.
Sein Atem zaubert mir eine Gänsehaut auf den Rücken, als er mir ins Ohr haucht, ich sei begehrenswert und wunderschön.

Aus dem 20. Kapitel:

...Die Bergesspitzen leuchten in der Morgensonne und der Himmel gießt sein verheißungsvolles Blau kraftstrahlend über mir aus. Im Glanz des Lichts liegt die Schöpfung vor mir, als hätte sie sich eben erst entrollt, zum Bersten erfüllt von Schönheit und Macht.
Ach, könnte ein Abglanz dieser Reinheit in mir auferstehen! Einen Atemzug lang umspült mich ein Ahnen der Ewigkeit, deren vielfarbig strahlender Klang unentwegt durchs Weltall schwingt. Wie unwissend wir doch durchs Leben taumeln! Das Bewußtsein meiner Beschränktheit beschämt mich. Mit einem Ruck setze ich mich in Bewegung, mache die Balkontür zu und nehme Abschied von meinem Zimmer. Ein Echo meiner Persönlichkeit schwebt noch im Raum, bereit, sich in Kürze zu verflüchtigen....

 


    Zweischneidiges Glück    Gertraudes Früchte