Erwins Geheimnis

Sturm im Ozean des Vergessens

 

 

 

 

Kriminalroman von Sabine Deiries

Erhältlich im Epubli Verlag/Berlin


 

Aus dem 1. Kapitel:

Am Novemberhimmel ziehen graue Regenwolken dahin. Kalter Sturmwind reißt die letzten dürren Blätter von den Bäumen, die inmitten eines abgeernteten Kartoffelfelds einen kreisrunden Tümpel umrahmen. Wir befinden uns am Rand einer Elftausend-Seelen-Gemeinde, einige Kilometer westlich von München. Ein gegen den Sturm ankämpfender untersetzter Mann, gekleidet in Parka und Baskenmütze, den Spazierstock in der Hand, einen flatternden, gelben Schal um den Hals, erreicht das Rund des Teichs. Kläffend umtollt ihn sein struppiger, schwarzer Hund. Der Mann wirft ein Stück Holz ins Wasser. Bedenkenlos springt der Rüde ins kalte Naß, packt das Stöckchen mit den Zähnen, schwimmt eifrig zurück ans Ufer und legt es seinem Herrchen schwanzwedelnd vor die Füße.
"Brav, Timpetu“, lobt der Siebzigjährige und Timpetu schüttelt sich begeistert. Nachsichtig lächelnd klopft Erwin Gröbner die Wassertropfen von seinem Anorak und leint den Hund an; er hat eine sich nahende Spaziergängerin mit Collie bemerkt. Erwin umfaßt energisch seinen Stock und will sich heimwärts wenden. Der Rüde macht keine Anstalten, dem Willen seines Herrchens zu genügen.
Zur Salzsäule erstarrt schaut er zum anmutig herantrabenden Hund herüber. Plötzlich reißt er sich los und prescht übers Feld, daß die Erdschollen fliegen.
„Rufen sie ihren Köter zurück!“ Die Stimme des Frauchens der adligen Colliedame überschlägt sich vor Wut und Entsetzen. Die Empörte rafft ihr Pelzcape zusammen und versucht, den dahergelaufenen Bastard mit dem Fuß von ihrem frisch frisierten Liebling wegzustoßen. Timpetu beschnüffelt gierig das Hinterteil der Hündin und drängt sie beiseite, seine führerlose Leine hinter sich her schleifend. Der ohnmächtige Aufschrei der Hundehalterin mischt sich mit Timpetus Siegesgejaule, der am Ziel seiner Hundeträume ist. Schaum tropft in großen Flocken aus seinem Maul, während er seine Angebetete umklammert und tut, was er nicht lassen kann...

Aus dem 4. Kapitel:

Der Kellner führt die Herrschaften in eine lauschige Nische des Kellerlokals, die mit einer Eckbank ausgestattet ist.
Inge legt den Pelzmantel zwischen sich und ihrem Mann auf die Bank. Schräg gegenüber sitzt Günther, Erwin zugeneigt. Er liegt mit dem Oberkörper halb auf der Tischplatte und redet mit Händen und Füßen auf seinen wiedergefundenen Freund ein, den er allmählich mit seiner guten Laune ansteckt.
Freudetrunken heben die alten Männer die Schatzkiste ihrer gemeinsamen Erlebnisse aus dem Ozean des Vergessens. Günther lacht donnernd. Erwin schlägt ausgelassen mit der Faust auf den Tisch und das Väschen mit den Seidenblumen kippt um.

 

Inge ist pikiert.
Was ist das für ein kindisches Benehmen? Es mißfällt ihr außerdem, daß man sie einfach links liegen läßt! Übellaunig betrachtet sie abwechselnd die beiden Männer und ihre blutrot lackierten Fingernägel und schließlich stößt sie ihrem Mann wütend den Ellbogen in die Rippen, wobei sie ihn verächtlich ansieht und bedrohlich seinen Namen zischt.
Erwin ringt nach Luft und faßt sich ans Herz.
Günther verstummt und wendet sich diskret der Speisekarte zu.
„Bestellen wir heute noch was? Ich werde sonst mit dem Wagen heimfahren. Du kannst dich gern ungestört mit deinem Freund unterhalten und dann den Zug nehmen, Erwin!“ Inge rafft ihren Mantel an sich und macht Anstalten, aufzustehen. Bestürzt hält Erwin seine Frau am Arm fest, während Günther dem Kellner winkt und die Eheleute anlächelt: „Entschuldigt; ich hab in meiner Freude die Welt um mich her vergessen, es tut mir leid. Ihr seid natürlich meine Gäste!“
„Das kommt nicht in Frage“, mault Inge, legt aber doch den Mantel auf die Bank zurück und verschränkt die Arme...

Aus dem 7. Kapitel:

...Über Erwins Wangen rinnen Tränen. Er wischt sich mit dem Ärmel übers Gesicht und stellt das Buch zurück ins Regal. Bedrückt steht er eine Weile da, ohne sich zu rühren. Endlich strafft sich seine Haltung; er schlurft in die Küche, holt einen Kauknochen aus Büffelhaut aus der Vorratskammer und hält ihn Timpetu vor die Nase. Bedachtsam faßt der Rüde den Leckerbissen mit den Zähnen und trollt sich auf seinen Platz. Der Rentner schaltet den Fernseher an, um sich die Dokumentation über den Aufstieg und Fall der Ruhrstahl AG anzuschauen. Sein Rheuma macht ihm sehr zu schaffen, als er sich stöhnend im Sessel niederläßt, bemüht, eine Sitzposition zu finden, in der sich die Gliederschmerzen in Grenzen halten. Kaum ist ihm dies kleine Kunststück gelungen, klingelt es an der Tür und Timpetu schlägt an. „Still“, befiehlt Erwin und der vierbeinige Wächter verstummt. So schnell es geht, schält sich der Rheumakranke aus dem Sessel, geht zur Tür und öffnet. Ein Schwall frostiger Winterluft schwappt ihm entgegen. Eine aparte Frau im Wolfspelz steht vor ihm, blonde, schulterlange Locken, um die Fünfzig, mit fragendem Blick und unsicherem Lächeln. „Frau Baumeister, sie? Ist es wegen Timpetu“, fragt Gröbner erstaunt. Die unerwartete Besucherin reicht ihm die Hand: „Guten Abend, Herr Gröbner. Ich bin gekommen, um mich bei ihnen zu entschuldigen. Bella ist wohlauf und der Tierarzt meint, wir hätten unverschämtes Glück gehabt, es sei nichts passiert. Wollen wir Frieden schließen?“
Erwin ist in die Betrachtung des Atemhauchs versunken, der dem Mund der Dame entflieht und sich, ob der Kälte zarte Wölkchen bildend, ins Dunkel der Winternacht verflüchtigt...

          Gertraudes Früchte                              Zweischneidiges Glück