Gertraudes Früchte

Der schönen Frucht fauler Kern

 

Kriminalroman von Sabine Deiries

Erhältlich beim Epubli Verlag/Berlin

 

Aus dem 1. Kapitel:

Ein kühler Junitag geht zu Ende. Im Wohnzimmer ihres achtundneunzig Quadratmeter großen Reihenhauses am Stadtrand Münchens nimmt Familie Ludwig das Abendessen ein. Vier Gedecke schimmernden Porzellans stehen in vollendeter Symmetrie auf dem Quadrat des Tischs. Kunstvoll angerichtet auf silbernen Platten locken Schinken, Wurst, gekochte Eier, Gürkchen und Käse zum Verzehr. In einer gekühlten Glasschüssel türmen sich Butterkügelchen. Der kristallene Leuchter in Form eines Schwans trägt eine brennende Kerze im gläsernen Gefieder. Die Mutter blickt voller Genugtuung auf ihre fünfzehnjährige Tochter.
„Bekamst du heute nicht deine Matheschulaufgabe heraus? Welche Note hast du eigentlich erhalten?“, will sie von dem Mädchen wissen und schenkt ihrem Mann Kräutertee aus einer zerbrechlich wirkenden Kanne nach.
„Eine Eins“, erwidert die Tochter und wirft stolz den Kopf in den Nacken, daß der hellblonde Zopf baumelt. Ihr eisblauer Blick wandert über den Tisch und bleibt an der Käseplatte hängen. Gewandt angelt sie sich eine Scheibe Emmentaler. „Bravo, ich bin sehr stolz auf dich! Nicht wahr, Johann, Silkes Leistungen sind wirklich vorbildlich“, wendet sich Gertraude an ihren Mann, welcher leicht nickt und gründlich kauend weiterschweigt. Die Hausherrin fixiert nun ihren Sohn mit der Miene einer Schlange, die ein Kaninchen entdeckt hat. Der Siebzehnjährige zuckt zusammen und verschluckt sich fast an der Petersilie, die er sich schwungvoll in den Mund geworfen hatte. „Ich bin heute mit Martin zum Autobahnsee geradelt“, stößt der rotblonde Jüngling schwer verständlich hervor, da ihm Brocken hartgekochten Eigelbs am Gaumen kleben...

Aus dem 3. Kapitel:

Gertraude hat ihr Nadelstreifenkostüm angezogen und sich, einer kecken Regung nachgebend, die Bernsteinbrosche ihrer Großmutter ans Revers gesteckt. Silke trägt das blaue Leinenkleid, das sie leidenschaftlich haßt. Heinrich zwängte sich in den schurwollenen Trachtenanzug, dessen Resedagrün ihm einen wasserleichenhaften Teint verleiht; doch Mutter Gertraude sieht ihren Sohn so gern in diesem Anzug. Pünktlich um halb Acht läutet es an der Tür. Schwungvoll öffnet Heinrich den Gästen. Den Ludwigs verschlägt es fast den Atem.

 

 

Margit Schubert trägt zum hinreißenden weißen Hosenanzug aus fließender Seide einen purpurrot geflammten Chiffonschal und hat sich das kastanienbraune  Haar kunstvoll hochgesteckt. Voller Anmut  begrüßt sie die Gastgeberin. Silke flirtet unverhohlen mit Herrn Schubert, der ein Schulfreund ihres Vaters ist, fragt ihn nach dem Wert seines Halsschmucks und ob er das edle Stück selbst entworfen habe. Dies trägt ihr eine Zurechtweisung ihrer Mutter ein, die mit eisigem Lächeln dasitzt und sich müht,  ihre Kinder im Zaum zu halten. Heinrich grinst seltsam verkrampft. Beharrlich hatte Gertraude ihm eingeimpft, daß seine vorstehenden Zähne beim Lachen mit offenem Mund auf häßliche Weise zur Geltung kämen...

Aus dem 7. Kapitel:

„Schonen sie sich und geben sie ihrem Hausarzt diesen Brief!“ Die Schwester drückt Johann ein Kuvert in die Hand, „lassen sie sich ein paar Tage krank schreiben, mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen, Herr Ludwig!“ „Keine Sorge, ich paß auf ihn auf“, beteuert Gertraude, nimmt ihrem Mann den Brief ab, schiebt stützend ihren Arm unter Johanns Achsel und führt ihn aus der Klinik zum Parkplatz, als sei er schwerbehindert, hilft ihm auf den Beifahrersitz, setzt sich hinters Steuer, und läßt den Wagen an. Den blauen Ford Escort hatte sie vom Erbe ihrer Mutter erworben, die vor vier Jahren einem Schlaganfall erlegen war. Johann besitzt keinen Führerschein. Mit  einer Höllenmaschine wie einem Automobil will er nichts zu tun haben; er bewegt sich lieber zufuß oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fort. „Schön, daß sie dich so schnell aus der Klinik entlassen haben, Johann!“ Gertraude schaltet, daß der Ford ruckelt. „Jetzt erzähl mir endlich, was vorgestern Abend genau mit dir passiert ist!“ „Das weißt du doch. Ein Bus fuhr mich an.“ Johann schaut aus dem Fenster und hüllt sich in Schweigen. Forsch überholt Gertraude ein Müllauto und kommt dabei ins Schlingern. Johann prallt mit der Schläfe gegen die Scheibe des Seitenfensters. „Au! Willst du mich umbringen?“ Ärgerlich reibt er sich die Stirn und mustert seine Frau von der Seite. Zurück zu Hause, läßt Johann es kommentarlos geschehen, daß Gertraude ihn ins Schlafzimmer nötigt, ihm sein Bettzeug aufschüttelt, ihn auskleidet, ihm befiehlt, sich hinzulegen, um ihn zuletzt wie ein Kleinkind zuzudecken. In Gedanken ist er weit, weit weg...

 Denk an die Stacheln...                       Erwins Geheimnis