Zweischneidiges Glück

Die Hetzjagd nach dem Kick



Kriminalroman von Sabine Deiries
demnächst erhältlich bei Epubli ...

 

Tanz der Marktweiber

Es ist Faschingsdienstag.
  Die eisige Faust des Winters umklammert gnadenlos den Sturmbesen und durchfegt Münchens Straßen und Wege, die von harschigen Hügeln grauen Schnees gesäumt sind.
Die Sonne irrlichtert hie und da durchs dunkle Wolkengeflecht und läßt wild tanzende Schneeflocken aufglitzern.
  Auf dem Viktualienmarkt, zwischen den Buden der Obst- und Gemüsehändler, endet eben der Tanz der Marktweiber, der im Herzen der Landeshauptstadt alljährlich den Fasching auf deftige Art krönt. Die wogende Menge kostümierter Zuschauer johlt und pfeift ausgelassen. Es duftet nach Steckerlfisch, Grillwürstchen, gebrannten Mandeln und Bratäpfeln, es regnet Luftschlangen, Konfetti, hagelt Bonbons und aus Lautsprechern dröhnt der Gassenhauer:
 
Rosa war die Wiese, hellblau war dein Kleid…
 
Eine junge Frau, die verzweifelt versucht, ihren Kinderwagen durchs Gedränge zu manövrieren, klopft der neben ihr herstöckelnden Dame auf die Schulter, die ihren wagenradgroßen Hut mit beiden Händen an der Krempe festhält, damit der Sturm ihn nicht von ihren blonden Locken reißt, und schreit ihr ins Ohr: „Felix, laß uns gehen!“
   Die „Dame“ zieht zweifelnd die Augenbrauen hoch, bleibt mit ihrem Pfennigabsatz in einer Pflasterfuge hängen, knickt um und flucht, als sie das zerrissene Leder am Absatz sieht: „Verdammt!
Die schönen Schuhe! Jetzt willst du schon gehen? Ist das dein Ernst, Regine?“
   Regine nickt energisch, schlägt mit dem Kinderwagen eine Bresche in die Mauer aus Leibern und gelangt Schritt für Schritt, unwillig gefolgt von ihrem Mann, aus dem Zentrum des ungestümen Treibens in eine ruhigere Seitenstraße. Das Baby, das die ganze Zeit über im Wagen geschlafen hatte, rudert mit den Ärmchen und öffnet neugierig die dunklen Äuglein.
 „Da hast du's, Regine: jetzt ist Amanda aufgewacht - wir hätten auf dem Marktplatz bleiben sollen!“
   Felix wirft seiner Frau einen vorwurfsvollen Blick zu, den sie mit einem Lächeln erwidert. Sie hängt sich bei ihm ein und lobt ihn dafür, wie gut er mit den High-Heels laufen könne.

  

   „Danke für das Kompliment, Teuerste ... ich weiß es ohnehin“, säuselt er im Falsett und macht im Gehen einen Knicks.
 
 „Übertreib's nicht, Felix! Was hältst du davon, bei Eugen und Nora vorbeizuschauen?“
 
 „Ausgezeichnete Idee, Schatz! Ruf an und sag' ihnen, sie sollen Kaffeewasser aufstellen!“
  Mit selbstgefälligem Wimpernklimpern nickt er Regine zu, die stehengeblieben ist und schon das Handy zückt.
Nach längerem Fußweg - für Felix' Füße strapaziöser, als ein Dreitagemarsch bei der Bundeswehr - erreicht das Paar einen Wohnblock aus der Zeit des Jugendstils im Glockenbachviertel. Felix klingelt bei Studermann, streift den rechten Schuh ab und reibt sich stöhnend den Fußballen.
   Als der Türöffner summt, beendet er die Massage,  stemmt sich mit dem Oberarm gegen die schwere Eichentür und läßt Regine mit dem Wagen durch. Ein übler Mischgeruch von Bohnerwachs und Knoblauch begleitet die gemeinsam den Kinderwagen  hochtragenden Eltern auf den Weg in den zweiten Stock.
   Nora, eine zierliche Blondine, erwartet sie auf dem Treppenabsatz und lacht laut auf:  „Felix? Bist du’s wirklich?“
   Felix dreht sich um die eigene Achse, zieht das lange Rüschenkleid am Saum hoch, präsentiert selbstgefällig seine Beine, die in Netzstrümpfen stecken, und wirft Nora ein Kußhändchen zu.
 
 „Den alten Esel haben wir daheim gelassen, ich bin seine Base Genoveva! Darfst mich Vevi nennen, Süße!“
   „Eugen, komm her, das mußt du sehen“, ruft Nora amüsiert.     
   Der Gerufene erscheint im Flur; ein großer, athletischer Mann mit kahl geschorenem Kopf, klaren Gesichtszügen und schönen, braunen Augen.
   Er umarmt Regine, gibt Felix schmunzelnd die Hand und bittet die Gäste, einzutreten. Regine läßt den Wagen im Treppenhaus stehen und folgt mit Amanda im Arm zur Wohnküche, wo sie tief durchatmet, um das anregende Aroma frisch aufgebrühten Kaffees und den Anblick des gemütlichen Raums in sich aufzunehmen.


Erwins Geheimnis     
    Denk an die Stacheln ...